Anamnese

Bevor es mit dem konkreten Hilfeprozess richtig losgeht, gilt es einige Aspekte zu bedenken, die kurz vorgestellt werden sollen



Inhaltsverzeichnis

Erstkontakt - wenn der Klient neu ist:

Während die Sozialarbeiter in der vertrauten Umgebung ihres Arbeitsplatzes mit einem Klienten konfrontiert werden, hat dieser unmittelbar vorher einiges durchlitten: Auf dem Weg zu uns hat er sich die schmerzhafte Erkenntnis noch mal vor Augen geführt, mit dem eigenen Leben allein irgendwie nicht mehr klar zu kommen. Er weiß, dass ihn dieser Schritt für einige -auch aus seinem Bekanntenkreis- zum 'Looser' macht; andere denken vielleicht gleich an 'Sozialschmarotzer'. Obwohl Millionen anderer Menschen arbeitslos sind, oder an den gesellschaftlichen Normalitäten scheitern erlebt er sein Problem als persönliche Niederlage. Er nähert sich nun dem Sozialamt Magdeburg-Nord; ein für ihn fremdes Gebäude, das EG ist vergittert, der Putz fällt von den Wänden, die Flure dunkel und lang: Wenn sich Verlierer irgendwo treffen - dann hier, wird er denken. Vielleicht muss er eine Nummer ziehen und auf dem Flur auf unbequemen Stühlen warten, ohne zu wissen, warum andere vor ihm drankommen.

Ist man dran, sitzt vielleicht der Sozialarbeiter im weichen Sessel mit Lehnen vor dem Computer an der Längsseite seines Schreibtisches. Das Ungleichverhältnis bezogen auf das Alltagshandeln in der gewohnten Umgebung des Sozialpädagogen auf der einen Seite und der Verunsicherung des Klienten kann sich noch vergrößern: Während der Klient im rechten Winkel an der schmalen Stirnseite des Tisches auf seinem harten Plastikstuhl sitzt, schaut der Sozialarbeiter auf den Computer: 'Name?' 'Alter?' 'Adresse?' 'Ausweis?', wird er gefragt. Nur aus dem Augenwinkel sieht er den Ausweis und zieht ihn zu sich. Ohne Erklärung: 'Wohnen sie alleine?' 'Krank?' 'Behindert?' 'Hepatitis?' 'Aids?' Direkt vor dem Klienten steht ein Aschenbecher. Mit der linken Hand ascht der Sachbearbeiter dort hinein. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie sich der Klient eine Zigarette dreht. Erst in dem Moment, wo er zum Feuerzeug greift, nimmt der Sozialarbeiter den Aschenbecher weg: Ohne vom Computer aufzuschauen: 'Der ist nur für mich'...

Erinnert man sich an die ersten Tage an der FH, hat man vielleicht eine Vorstellung davon, wie lange es dauert, bis man sich von einer neuen Umgebung nicht mehr einschüchtern lässt. Diese Erfahrung sollte man nicht erst beim Erstkontakt berücksichtigen, sondern möglichst schon bei der Einrichtung von Büro und Gebäude. Je nach Arbeitsfeld gibt es ggf. die Möglichkeit, sich außerhalb in einem Café zu treffen um dann gemeinsam die 'Arbeitsplatz' des Sozialpädagogen aufzusuchen und zeigen zu lassen; es lässt sich manchmal auch die Wartesituation freundlicher gestalten (Farben, Pflanzen, Zeitungen, Kaffeeselbstbedienung...) oder zumindest die Raumsituation im Büro anpassen (gleiche Stühle, am separaten Tisch mit gleich viel Platz...).

Man muss seine Klienten nicht direkt vor der Tür platzieren, wo ständig jemand reinguckt. Muss man zwischendurch ans Telefon oder bei der Anamnese am Computer sitzen, dann kann man dies seinem Klienten freundlich erklären. Wenn man Kekse oder Getränke anbietet, kann sich die Atmosphäre verbessern; so hilft vielleicht auch eine Kerze oder ein kleines Blumengesteck, was den Klienten er möglicht, sich optisch festzuhalten, um auch mal dem selbstsicheren Blick des Sozialarbeiters ausweichen zu können. Man könnte sich ggf. auch eingangs darüber erkundigen, ob man das Büro gut gefunden hat und ehrlich zugeben, dass das Haus von draußen ja wenig einladend aussieht und man sich um so mehr freut, dass der Klient trotzdem gekommen ist. Natürlich entschuldigt man sich, dass die Raumenge leider nicht mehr Gemütlichkeit zulässt.Ist man nicht fähig oder willens, die Verunsicherung in der neuen Umgebung zu erkennen und ihr angemessen zu begegnen, wird sich nur schwer eine tragfähige Beziehung zum Klienten entwickeln. Eine solche Beziehung kann aber auch bewusst verhindert werden: Erfolge, durch hohe Zugangsschwellen und Ausstattung von Räumlichkeiten Klienten davon abzuhalten, soziale Rechtsansprüche einzulösen, lassen sich in vielen Sozialämtern begutachten...



Ist es überhaupt mein Klient? Soll er es werden? Am BSP des Kindes wurde schon illustriert, das nicht unbedingt der eigentliche Adressat das Erstgespräch sucht. Es ist kein Ausnahmefall dass der Symptomträger bewusst oder unbewusst vorgeschickt wird:

In diesen Fällen trifft die Schuldzuschreibung die Falschen. Wenn sie aber schon einmal vor einem stehen, schickt man sie deshalb nicht weg, denn sie sind die Opfer, wenn auch nicht die eigentlichen Adressaten der Intervention. Wenn der Versuch misslingt, Mutter oder Ehemann hinzuziehen, um gemeinsam Lösungen zu suchen, müssen die Leidtragenden ggf. unterstützt werden, sich zu von Mutter oder Mann zu trennen...

Wenn wir einem Klienten nicht weiterhelfen können oder wollen, verpflichtet uns das Prinzip der Allzuständigkeit, die Weitergabe an andere Professionen oder andere Arbeitsfelder sicherzustellen. Auch bei Klienten, die wir 'total doof' finden, muss die Versorgung sichergestellt werden. Man sagt nicht, dass Klienten 'doof' sind, wird man meinen; aber was hilft diese Feststellung, wenn wir sie eben doof finden? Schon nach kürzester Zeit wissen wir, wer uns unsympathisch ist; auch bei unseren Klienten so. Dies ist völlig normal. Vielleicht ist es bei 1/3 so. Wir müssen nicht jede und jeden lieben; die Zusammenarbeit deswegen abzulehnen sollte dennoch der absolute Ausnahmefall bleiben. Im Ausnahmefall können wir versuchen, ob wir Kollegen innerhalb unserer oder in einer anderen Institution finden, die 'aushelfen'. Dies ist legitim und eher ein Ausdruck von eigener Stärke als ein Zeichen von professioneller Unfähigkeit; unsere Zuständigkeit endet jedoch erst dann, wenn wir es dem Klienten ehrlich erklärt und den Kontakt zu einer anderen Hilfsmöglichkeit hergestellt haben. Gibt es keine Alternative, dann haben wir und nicht der Klient Pech. Negative Gefühle zu negieren ist so albern wie erfolglos; sie anzuerkennen und souverän mit ihnen umzugehen, bleibt die große Herausforderung.

Freiwilligkeit:

Freiwilligkeit ist eine Grundvoraussetzung für sozialpädagogische bzw. therapeutische Prozesse. In dem Maße, wie sich Klienten bewusst oder unterbewusst gezwungen fühlen, gerät der Hilfeprozess ins Stocken. Selbst wenn die eben beschriebene Frau meint, freiwillig gekommen zu sein, kann auch der Soziale Druck des Mannes und ihres sozialen Umfeldes entscheidend gewesen sein; dass kiffende Mädchen würde den Besuch der Sozialpädagogin natürlich objektiv als Zwang empfinden. Da die Klienten die Zusammenarbeit im Falle des Zwanges latent als Bedrohung ihrer Integrität empfinden würden, sollte man während des Erstkontaktes das Ausmaß des Zwanges eruieren und weitestgehend minimieren. Obwohl bestimmte Arbeitsfelder (Schulsozialarbeit, Bewährungshilfe, Sozialarbeit im Strafvollzug...) strukturell den Grad der Freiwilligkeit einschränken, müssen wir uns bemühen, Spielräume zu finden, auszuweiten und abzusichern, die ein Maximum an Autonomie und Integrität bewahren. Der Erfolg unserer Arbeit basiert auf vertrauensvollen ehrlichen Beziehungen zu unserem Klientel, deshalb müssen wir uns auch gegenüber Bestrebungen verwehren, die Schweigepflicht einzuschränken oder enger mit kontrollierenden Institutionen (Polizei, Staatsanwaltschaft...) zusammenzuarbeiten; überall wo die Integrität des Klientels eingeschränkt ist (Zusammenarbeit mit Polizei, Weitergabe der Akte, Rücksprache bei Verwandten, Lehrern oder Ärzten...) sollte der Klient vorher in Kenntnis, besser um Zustimmung gebeten werden.

Dies gilt z.B. für Träger der Drogenhilfe, die von der Staatsanwaltschaft nach 35 BTMG anerkannt sind und sich Klientel, sowie ihre Finanzierung dadurch sichern, dass sie als verlängerter Arm bzw. Gehilfen der Staatsanwaltschaft 'Therapien statt Strafe' anbieten:<ref>Vereinbarung zwischen Hamburger Trägern der Drogenhilfe und der Staatsanwaltschaft zu 35 BTMG.</ref> 'Ist jemand wegen einer Straftat zu nicht mehr als zwei Jahren verurteilt worden, so kann die Vollstreckungsbehörde.die Vollstreckung.für längstens zwei Jahre zurückstellen, wenn der Verurteilte sich wegen seiner Abhängigkeit in einer seiner Rehabilitation dienenden Behandlung befindet. (...) Die Vollstreckungsbehörde wiederruft die Zurückstellung der Vollstreckung, wenn die Behandlung nicht begonnen oder nicht fortgeführt wird (...) sie ist befugt, einen Haftbefehl zu erlassen." Die Institutionen werden nur zugelassen, wenn sich die Sozialpädagogen/Therapeuten verpflichten, bei Verstößen von Therapieauflagen sofort die Staatsanwaltschaft zu informieren und so ggf. den unmittelbaren Haftantritt einzuleiten und -je nach Bundesland- sicherzustellen, dass ihre Therapie selbst strafenden Charakter hat: In dem Fall, unter Zwang sozialpädagogisch oder therapeutisch zu arbeiten, spricht man von 'helfendem Zwang' oder von einem 'setting', das die Erfolgswahrscheinlichkeit der Arbeit drastisch reduziert.

Informationspflichten über sozialrechtliche Ansprüche:

Die Information über Hilfemöglichkeiten ist Voraussetzung dafür, dass Klienten überhaupt in unsere Einrichtung kommen. Die Sozialadministration sowie die Verbände und Träger Sozialer Arbeit sind verpflichtet, ihr potentielles Klientel über soziale Rechtsansprüche und Wege ihrer Realisierung zu 'beraten'und 'aufzuklären'. Als Negativbeispiel i.d.Z. fallen besonders die Sozialhilfeträger auf. Sie lassen unwidersprochen der Diskreditierung von Sozialhilfeansprüchen in Politik und Medien freien Lauf, beteiligen sich teils sogar selbst; sie versäumen vielfach ihre Aufklärungspflicht und verteilen Anträge und Informationsmaterial erst auf Nachfrage nach längerer Wartezeit. Aufklärung über Sozialhilfebedarfe von Niedrigverdienern, die knapp über der Sozialhilfeanspruchsgrenze liegen, findet generell nicht statt.

Trotz einer Dunkelziffer von bis zu 50% im Bereich der Sozialhilfe, werden nicht Schwellen gesenkt und Information verstärkt, sondern stattdessen weiterhin Kampagnen gegen vermeintlichen Missbrauch durchgeführt. So werden weiterhin Empfänger sozialer Leistungen diskriminiert und Anspruchsberechtigte über ihre Ansprüche im unklaren gelassen. Regelmäßig stellt die 'Bild' Familien vor, die trotz Vollzeitarbeit weniger Einkommen haben als Sozialhilfeempfänger. Dies ist rechtlich gar nicht möglich, da der Sozialhilfebedarf ein Existenzminimum darstellt, das jedem -also auch den jeweils dokumentieren Arbeitnehmerhaushalten- zusteht und mittels aufstockender Sozialhilfe vom Sozialamt gesichert wird. Aber nirgends wird erklärt, dass Arbeitnehmer mit Niedriglohn einen Anspruch haben, sich die Differenz bis zur Grenze des Sozialhilfebedarfs aufstocken zu lassen und darüber hinaus spezielle Mehrbedarfsansprüche zu haben...

Wichtig ist auch, Information in zielgruppenspezifischer Sprache und Aufmachung zu verbreiten und die richtigen Medien zu nutzen: Grellbunt leuchtende Flyer stoßen bsp. an Grenzen in der Altenarbeit; auch Anzeigen der Bundesregierung der 'FAZ' oder 'Die Zeit' für Sozialhilfeempfänger erreichen ihre Zielgruppe nicht.Ganz abgesehen von verschwendeten Druckkosten ist es schade, wenn -trotz guten Willens- mangels Einfühlungsvermögens und Phantasie, die Zielgruppe nicht erreicht wird.

'Mit Sex dein Geld zu verdienen kann toll aber auch ätzend sein. Manchmal geht alles prima. Z.B., wenn es dir gut geht und du einen guten Freier angeln kannst. Wenn er dann nur das von dir verlangt, was ihr vorher vereinbart habt, kann es auch ganz in Ordnung sein. Und verdienen kannst du auch noch was. Es kann aber auch anders laufen, und manchmal läuft es eben Scheiße. (...) An solchen Tagen kannst du kaum an deine Gesundheit denken. (...) Du kannst auch sexuell übertragbare Krankheiten bekommen. (...) Die meisten werden über Schleimhautkontakte übertragen. Du hast Schleimhäute in Mund, Arsch, Schwanz und im Auge.Beim Bumsen immer Gummis benutzen, Blasen nur mit Gummi, auf Arschlecken verzichten.Dildos -Gummischwänze- und andere Spielzeuge gehören immer nur in einen Arsch, entweder in deinen oder in seinen, niemals gemeinsam benutzen..."



Nicht immer kommen die Klienten in die neue Umgebung; wenn wir einen Job annehmen, betreten wir ein Terrain, wo sich die Klienten 'Zuhause' fühlen. Während ich wieder die passive Rolle bevorzuge, sind andere offensiver; dass kann erfolgreich sein, muss es aber nicht:

Im offenen Bereich der Drogenhilfeeinrichtung sitzen 40 Klienten. Ihr Durchschnittsalter beträgt etwa 30 Jahre, fast alle sind vorbestraft, haben mindest eine Therapie hinter sich und Hepatitis. Einige haben Aids, Erfahrung von Haft; die Frauen auch mit Prostitution. Alle sitzen mehr oder weniger schlaff an den Tischen, reden wenig, haben sie doch gerade ihre Dosis der Ersatzdroge Methadon konsumiert. Der Eindruck von Passivität drängt sich unweigerlich auf und ist für engagierte Sozialpädagogen, die 'etwas bewegen wollen' sehr schwer mit anzusehen. Es juckt uns in den Fingern, die Apathie zu durchbrechen und den Kontakt aufzunehmen: Ohne zu fragen, ob sie sich setzen kann, nimmt die neue Praktikantin einen Stuhl und setzt sich. Wie selbstverständlich duzt sie die Klienten obwohl alle mindestens10 Jahre älter sind: 'Na - Wie geht's dir?" Ohne eine Antwort abzuwarten holt sie ein Memoriespiel -'4 bis 99 Jahre-' aus der Tasche. 'Ich hab gesehen, dass du hier einfach nur so rumhängst", bewertet sie den 'normalen' Lebensalltag des Klienten, der froh ist, ein Kaffee zu trinken, seine -wenngleich stillen- Kumpels um sich zu haben und die ersten beiden Stunden nach seinem Methadon auch Probleme mit der Konzentration hat. 'Hast du nicht Lust, mit mir Memorie zu spielen, damit wir uns besser kennen lernen", schlägt sie vor. Ungläubig, innerlich etwas gutmütig väterlich belächelt, wird sie angeguckt.'Du brauchst keinen Schreck kriegen, es ist ganz einfach. Guck mal; auf jeder Karte ist ein Bild drauf, jedes Bild kommt zwei mal vor; man dreht die Karten um; dann nimmt man immer eine auf und versucht die passende Zweite zu finden..." Wenn die Klienten im Laufe des Vormittags gesprächiger werden, wird 'Memoriespielen' sicher zum Witz des Tages...


Die Anamnese beginnt:

Sozialarbeiter und Klient begegnen sich zu einem lebensgeschichtlich späten Zeitpunkt; durchleben einen relativ kurzen Teil gemeinsam, um sich i.d.R. danach bis zum Ende ihres Lebens wieder zu trennen. Sogar in der gemeinsamen Zeit, leben wir zum größten Teil in verschiedenen Lebenswelten; allein für den beruflichen Kontext müssen wir uns in ausreichendem Maße in die Lebenswelt des Klienten (empathisch) hineinversetzen und unsere Lebenswelt (selbstreflexiv) in den Hintergrund treten lassen. Es treffen eben nicht nur zwei Menschen aufeinander, sondern zugleich auch zwei Welten; teils wie von anderen Sternen kommend, steht man sich zunächst sprachlos gegenüber. Diese Sprachlosigkeit müssen wir überwinden; das bedeutet, wir müssen die Klienten verstehen und wir müssen uns verständlich machen.


Unsere Lebenswelt:

Unsere Lebenswelten ist geprägt durch Normen, Wertvorstellungen und Lebensziele; diese steuern unser Denken und Handeln, selektieren unsere Wahrnehmung und entscheiden letztendlich auch darüber, wen wir sympathisch finden und in welcher Form wir dies mitteilen. Wir finden es in 'unserer Welt' vielleicht 'normal', wenn

Wie entsteht 'Normalität'? Zunächst stehen die Eltern bzw. die Familie als primäre Sozialisationsinstanz im Mittelpunkt: Sie vermitteln dem Kind ihre Sicht auf die Welt, so wie sie sie selber in ihrer Lebenswelt erlernt haben; bei problematischen Verhaltensweisen unserer Klienten greifen wir also oft zu kurz, wenn wir die Ursache allein bei den Eltern suchen haben die sich i.d.R. doch selbst in einer benachteiligenden Lebenswelt entwickelt haben. Sozialisation hat immer die Aufgabe gesellschaftliche Normen und auch Ressourcen zur Erfüllung der gesellschaftlichen Normen zu vermitteln. Da Eltern auch problematische individuelle Normen vermitteln oder in ihren Ressourcen benachteiligt sind, werden die Eltern unterstützt bzw. abgelöst von den sekundären, staatlichen Sozialisationsinstanzen (Kindergarten, Schule, Jugendclub..). Als tertiäre Sozialisationsinstanzen sind bsp. noch Massenmedien und bzgl. Jugendlichen v.a. die sog. 'Peergroup' zu nennen.

Im oberen Teil der Grafik werden die Ressourcen skizziert, über die der Einzelne als Ergebnis von Sozialisation verfügen soll: In anderer Begrifflichkeit sind das ökonomische und soziale Kapital aufgegriffen; sie hätte an dieser Stelle noch durch das kulturelle Kapital und Gesundheit (s.o.) ergänzt werden können. Der Arbeitsmarkt hat eine mehrdimensionale Bedeutung sowohl für jene mit Arbeit, als auch jenen ohne. Arbeit wird v.a. gleichgesetzt mit Einkommen, am Konsum teilnehmen zu können und andere mit Konsum beeindrucken zu können; Arbeit ist aber auch ein Disziplinierungsmittel, weil man zu ihr gezwungen werden kann oder sich zu ihr gezwungen fühlt, weil man als 'Faulenzer' seine gesellschaftliche Anerkennung nicht verlieren will; nicht zuletzt ist Arbeit sowohl im Betrieb, wie auch in der Arbeitslosigkeit ein Sozialisationsinstrument, weil man 'lernt', sich den Erfordernissen der Produktion zu unterwerfen. Da der Faktor Arbeit mit seinen Anforderungen in dieser Gesellschaft zentral ist, bestimmt er Leitziele, Methodik und Didaktik von Sozialer Arbeit, entscheidet über gesellschaftliche Bewertungs- ,Stigmatisierungs- und Ausschlussmechanismen, definiert 'Erfolg' und 'Misserfolg' von Sozialisation und begründet persönliche Integrität. Wenn Eltern selber Ressourcendefizite haben, sich bsp. durch die Digitalisierung der Arbeitswelt überfordert fühlen, keine Strategien finden, ihre Defizite zu überwinden und i.d.R. auch aus finanziellen Gründen keine hochwertige Ausbildung ihrer Kinder sicherstellen können, ist die Weitergabe ihre Defizite wenig verwunderlich...



Die Lebenswelt der Klienten:

Betrachten wir wieder nur die Lebensprinzipien, so sind die Unterschiede zwischen Klient und Mitarbeiter relativ groß. Die Klienten sind nicht frei von Normen, allein sie haben andere.


Widersprüche zwischen den Lebenswelten:

Ich möchte nun illustrieren in welcher Form verschiedene Lebens- und Arbeitswelten miteinander kollidieren können. Meinungsunterschiede zwischen Staatsanwaltschaft und Sozialarbeit bezüglich ihrer gemeinsamen Klienten sind i.d.Z. ein Klassiker. Ganz abgesehen davon, das beide ihren gemeinsamen Klienten nur schwer verstehen, können sie sich oft auch untereinander nicht verständigen, stellen die einen doch das Interesse des Staates und der Opfer und die anderen die Täter in den Mittelpunkt und plädieren tendenziell für mehr Kontrolle bzw. mehr Hilfe. Dabei sind beide Repräsentanten hinsichtlich ihrer Fernziele gar nicht so weit voneinander entfernt: Die Gemeinschaft soll vor sozialwidrigem Verhalten geschützt werden. Die Methoden und Referenzpunkte der Intervention unterscheiden sich jedoch wesentlich:

Streit gibt es regelhaft darüber, in welchem Verhältnis beider Interpretationen Berücksichtigung finden sollten und wie die Grenzen zwischen legalen, legitimen, ordnungswidrigem und illegalem Verhalten zu ziehen sind:

Während die Staatsanwaltschaft nur im Gesetz gucken muss, um klare Handlungsanweisungen zu erhalten, müssen sich die Sozialpädagogen fragen, welches Verhalten ihres Klientels verständlich ist, für welches sie Verständnis zeigen und für welches sie sich dann auch stark machen wollen. Ggf. müssen wir uns auch gegen Legalitätsnormen im Interesse unseres Klientels engagieren, wenn diese Normen und nicht das Verhalten inakzeptabel sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir selber kiffen, in Bauwägen schlafen wollen und wir Dreadlocks hässlich finden...

Mein letztes Treffen mit einem Jugend-Staatsanwalt hat mir die Bedeutung unterschiedlicher Lebenswelten verdeutlicht und die Differenzen der genannten Berufe vergegenwärtigt, mit diesem Faktum umzugehen:

Engagiert wird vom letzten Prozess erzählt: 'Zwei 17jährige Jugendliche haben beim Fußballspiel in der Westkurve des Hamburger Sportvereins einen 40jährigen Mann krankenhausreif geschlagen. Als sie nach dem Grund gefragt wurden, nannten sie zur Begründung ohne Scham, dass dessen Handy während des Spiels geklingelt hat. Das ist doch eine Unverschämtheit und dann haben sie von diesem linken Richter auch nur Sozialauflagen bekommen. Wie findest du das?' Beim Bier in der Kneipe, in unserer Freizeit, die Ernsthaftigkeit hinter der Frage falsch gedeutet, meine ich: 'Wieso da hat er doch selber schuld gehabt...' Es kam zu einem Streit, der unser Verhältnis nachhaltig belastet hat. 'Schuld' war natürlich das falsche Wort; man hätte besser sagen sollen, dass mich so ein Verhalten nicht wirklich wundert und ich mir schon denken kann, warum ein klingelndes Handy diesen Jugendlichen subjektiv als solche Provokation erscheinen konnte, die ihnen ihr Verhalten als schlüssig erscheinen lässt. Bevor ich zu diesen Gedanken komme, müsste ich jedoch klarstellen, dass das Verhalten unstrittig inakzeptabel ist! Trotzdem wollte ich mich als Sozialpädagoge nicht leichtfertig dem Ruf nach höherer Bestrafung anschließen; selbst dann nicht, wenn ich selber Fußball stumpf finde und Volleyball wegen seiner Eleganz vorziehe; ich -wenn überhaupt- nur St.-Pauli-Fans akzeptieren könnte, ich vorurteilsbeladen in meiner Freizeit Menschen, die sich enthusiastisch dem Fußball widmen, pauschal gerne für rechtslastig und niveaulos halte...

Ich dachte aber an meine Jugendlichen, die ich in ihrer Qualifizierungsmaßnahme begeleitet habe: Schon Montags fing es an, nicht nur vom letzten Spieltag zu sprechen, sondern schon vom kommenden glorreichen Sieg im nächsten Heimspiel in zwei Wochen zu phantasieren. Jeden Tag musste ich hören, wie viel Geld sie für die Eintrittskarte schon angespart haben. Sie überlegten, ob sie vielleicht zu Dritt Geld zusammenlegen sollten für eine Fahne und ob man solche nicht selber basteln könnten, sie fragten, ob sie bei uns billig Stoff bestellen und die Nähmaschine nutzen dürften.Sie tauschten Autogrammkarten, stritten sich über Fouls, Pässe und Tore.Den ganzen Tag, die ganze Woche, den ganzen Monat.'Der eine Stürmer ist total nett', behaupten sie. Erklärungen, dass dieser ein geldgieriger Abzocker und der ganzen Bundesligaquatsch eine große kommerzielle Verarschung ist, mit dem alleinigen Ziel solchen armen Würmern wie ihnen das Geld aus den Taschen zu ziehen und dass es auch schlecht für die Augen sei, 90 Minuten aus hunderten von Metern am Rande des Stadions einem so kleinen Ball hinterher zu schauen, dem 20 Millionäre wie gestört hinterherlaufen und sich dabei gegen die Beine treten, führten in der Werkstatt regelmäßig zu kleinen Aufständen. Spätestens nachdem ich ihnen vorschlug, lieber mit mir in die Staatsoper zu kommen, um die neue Neumaiers Ballett-Inszenierung von Mozarts Requiem anzugucken, dachten sie, ich komm von einem anderen Stern. Ihr größter Wunsch ist, einmal Geld genug zu haben für ein Auswärtsspiel; möglichst natürlich für einen Sieg in München...

Beim Streit um die HSV-Fans musste ich sofort an mein letztes Neujahrskonzert denken: Wie jedes Jahr gehe ich ins Neujahrskonzert. Immer wieder. Seit 12 Jahren. Immer wieder Beethovens Neunte. Es ist ein Höhepunkt im Jahr, wenn im letzten Viertel das Motiv von den Kontrabässen gespielt wird, sie alle gemeinsam -acht Stück- einsetzen, wenn Luft und die ganze Halle vibrieren, wenn mir immer wieder die Tränen ins Gesicht schießen, mein Kreislauf an die Grenzen getrieben wird und mich später minutenlang die Beine nicht mehr tragen wollen.Nur jenes mal war es anders: Unmittelbar vor der entscheidenden Stelle klingelt hinter mir das Handy. Fast von Sinnen zische ich den Herren an, dass er dafür hinterher auf die Fresse bekommen würde. Kaum war der letzte Ton gespielt, war der Herr verschwunden. Zwar war mir die gesamte Freude, der ganze Tag und der Beginn des Jahres vermasselt; trotzdem hätte ich die Drohung 'natürlich' nicht umgesetzt. Wenn sich meine ehemaligen Klienten jedoch nur halbwegs so in ihr Fußballerlebnis hineinsteigern, muss es für sie nicht zwingend 'natürlich' sein, sich zurück zu halten. Der Wunsch, diese psychische Belastung auszugleichen, scheint mir ihr Verhalten verständlich. Auch ich hätte eine Form gesucht und gefunden. Als staatlich anerkannter Diplom-Sozialpädagoge und Dozent an der Fachhochschule stände aber viel zu viel auf dem Spiel, als dass ich nicht eine Form gefunden hätte, die nicht im Strafverfahren endet und mein standing unwiederbringlich zerstört; bsp. das Handy hinterher in die Toilette zu schmeißen, hätte aber mein seelisches Gleichgewicht wieder herstellen können. Problemlos hätte ich ggf. den Schaden ersetzt und mir zur Belohnung einen Opernabend in der Semperoper gegönnt.Den Jugendlichen fehlen aber verschiedene Handlungs- und Kompensationsoptionen, sowie der soziale Druck, der mich vor irreparablen Folgen bewahrt hätte. Was vor meiner Dozenten-Peergroup zum sozialen Ausschluss geführt hätte, würden deren Kumpels als Zeichen besonderer Qualität bewerten...

Dies BSP will auf den Punkt bringen, dass alle Menschen eigene subjektive Realitäten haben und dass wir im beruflichen Kontext nicht im alltagssprachlichem Sinne von Normalitätim Singular sprechen können, sondern von Normalitätenim Plural. Es gibt eine allgemein wirksame Normalität; sie ist dominant, weil sie durch die Macht der gesellschaftlichen Majoritäten konstruiert und durchgesetzt wird; es gibt unsere eigene Normalität die sich zu großen Teilen mit der allgemeinen überschneidet. Mit den Differenzen können wir dank eines relativ hohen gesellschaftlichen Status spielerisch umgehen. Unsere Klienten haben jedoch Realitäten mit tendenziell nur geringeren Überschneidungen; Differenzen sind oft fundamental und führen zum sozialen Ausschluss. Unsere beruflich Tätigkeit ist ein Drahtseilakt, der nicht immer erfolgreich aufgeführt wird, dürfen wir uns weder rigide an die geltenden -teils sogar rechtlich fixierten- Normen klammern, noch die Normen der Klienten unkommentiert und -verändert anerkennen. Ihr subjektiver Hintergrund ist aber generell nicht zu übergehen:



geht es um ein allgemeines gesellschaftliches Gewaltproblem. Dies dürfen wir nicht verschleiern, indem wir es auf die Minderheit der körperlich gewalttätigen Menschen reduzieren und individualisieren.

'Zum anderen scheinen die subjektiven Funktionen von Gewaltanwendung bei Jugendlichen im Kontext von Rechtsextremismus, und Randale-Action nur unzureichend geklärt zu sein und entsprechende pädagogische Konsequenz Karlsruher en drohen deshalb, quasi auf halbem Wege steckenzubleiben Klar: Gewalt wird als Hilfeschrei diagnostiziert, als Ruf nach Aufmerksamkeit etc. Nur: Dabei bleibt die Analyse dann meist stehen, und Jugendarbeit bietet sich als Helferin in der Not, als aufmerksame dazu, an. Übersehen wird: Gewalt ist für jugendliche Cliquen und Szenen oft darüber hinaus auch Mittel ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist Medium der Publikation ihrer Existenz mit all ihren Problemen. Jugendarbeit, die dies erkennt, kann sich nicht in cliquenbetreuender und individueller Konfliktberatung erschöpfen" (Möller 1994: 255).

Auch unsere Arbeit hat für unsere Klienten oft den Charakter von struktureller Gewalt, weil sie uns i.d.R. verbal wie intellektuell hoffnungslos unterlegen sind, sich körperlich aber nicht wehren dürfen. Wenn bsp. im Rahmen von Anti-Gewalt-Trainings der 'Schläger' in dem Kreis von bis zu 20 Menschen auf den heißen Stuhl gesetzt wird und seine Persönlichkeit gebrochen wird, indem alle ihn verbal erniedrigen, dann wird körperliche Gewalt allein durch psychische Gewalt ersetzt. Der Pädagoge nimmt für sich dann aber trotzdem in Anspruch, mit seiner Form der Gewalt moralisch über seinem Probanden zu stehen...

Man kann sich selbst noch unendlich viele BSP überlegen, wo, wann und warum es wichtig ist, sich in die Lebenswelt unseres Klientels hineinzuversetzen, um ihm angemessen helfen zu können. Eines aus einem Nischenarbeitsfeld der Sozialen Arbeit will ich noch ausführen, weil es mich besonders beeindruckt hat und die Bedeutung von 'anderer Welt' im wahrsten Sinne des Wortes zusammenfasst: In der wenig präzise als 'Entwicklungshilfe' bezeichneten Arbeit, arbeitet der Kollege Norbert Spiegler u.a. mit indigenen Völkern im Urwald Kolumbiens. Zunächst sammelte er Eindrücke über die ihm fremde Lebenswelt:<ref>In den Rundbriefen 4+5 1989.</ref>

'Die Awá (Indianer) leben eng mit der Natur verbunden. Frau und Mann, Kinder und Erwachsene haben ihre je eigene Beziehung zu Pflanzenarten, die nur sie säen oder ernten. Der Medizinmann weiß die Heilpflanzen zur richtigen Tageszeit, nach je bestimmen Himmelsrichtungen hin und in eigenen Zählabfolgen zu pflücken. Die Awá bewirtschaften den Wald, ohne ihn auszubeuten. Sie lassen ihn immer wieder ruhen und nachwachsen, während sie in einem Rotationssystem an einer anderen Stelle anbauen. Gewisse Bäume, die für das Nachwachsen des Waldes oder als Schutz gegen die Erosion wichtig sind, lässt der Awá stehen. Der Wald ist für ihn seine Welt, sein 'Kosmos'. Im Wald wurde er geboren, verlebte seine Kindheit, arbeitet er und gründet seine Familie. Der Wald ist voller Leben: Er gibt dem Awá Humus für den Anbau seiner Kochbananen; mit den großen Blättern der Bäume kann er das Dach seiner Hütte bauen; mit den Holz kann er kochen, Häuser -neustens auch Schulen und Gemeinschaftshäuser- errichten und Wege und Brücken sichern; in den Baumrinden findet er proteinreiche Käfer, in den trinkwasserklaren Flüssen Fische. Der Wald gibt dem Indianer alles, um Grabstätten zu errichten und Musikinstrumente anzufertigen. Lianen werden für das Flechten von Körben und Tragetaschen verwendet, für den Bau von Brückengeländer und für Balkenverknüpfungen. Die Awá sind wahre Zauberkünstler im Finden von Wegen und Suchen von Fährten. Die indianische Verehrung für die Natur, die uns Europäer so sehr beeindruckt, findet man jedoch wenig bei den Awá. I.d.S. sind sie sehr nüchtern. Hingegen kennen sie eine große Furcht vor dem Wald wo die bösen Geister und auch die Verstorbenem umgehen und sie erschrecken."

'Und bald sollte ich genug zu sehen und zu hören bekommen, aber in einer Weise, dass ich mich fast schwarz ärgerte: Diese Indianer liefern sich an diesem Ort völlig an die Kultur der Weißen aus. Sie glauben alles was ein Weißer, der in eine Familie eingeheiratet hat, abfällig über ihre Kultur sagt. Sie legen ihre Gemeinschaftswerte ab: Statt eines gemeinsamen Unterkunftshauses an der Straße für ihre Einkäufe am Wochenende will jeder sein eigenes haben. Sie verlernen das freigebige Teilen und fangen an, ihre Sprache zu verachten. Sie wollen alles nachmachen, vom Raubbau des Waldes angefangen..." Zunächst aus dem Gefühl heraus, die Aufgabe gemeinsamer Vorratshaltung würde den existenziellen Zusammenhalt gefährden, wurde vereinbart, dass Spiegler mit dem Häuptling gemeinsam ein anderes Dorf besucht, um deren Erfahrungen mit der gleichen Idee -nun einige Jahre später- einzuholen. Nach 40 km hin und zurück, zu Fuß über Urwaldpfade, teilte der Häuptling die vom Häuptling des anderen Dorfes übermittelten Erfahrungen mit: Es haben sich schon im ersten Jahr Probleme ergeben, weil die Haushalte unterschiedlich erfolgreich disponiert hatten. Mangel musste im Tausch mit anderen Waren ausgeglichen werden und trieb die 'Preise' in die Höhe. Die Spaltung des Dorfes in reiche und arme Haushalte glich vom Prinzip -in kleinstem Maßstab- der sozialen Polarisierung in der Bundesrepublik und hatte mit rascher Entsolidarisierung auch die gleichen Folgen. Gemeinsam beschloss nun das Dorf, von der Idee Abstand zu nehmen...



Aus Sicht der Klienten:

Wenn die Klienten wahrnehmen, dass sie von den 'Helfern' nicht richtig verstanden werden, diese Mühe, Geschick oder auch Willen vermissen lassen, passende Antworten, Hilfen, Methoden, Sprache.zu finden, neigen Klienten dazu, sich der Zusammenarbeit zu verweigern. Mit dem 'Helfer' wird dann um Interpretationen gerungen, seine Qualität wird in Frage gestellt und Vertrauen entzogen. Auch wenn der Klient objektiv Unrecht hat, hilft es dem Sozialpädagogen nicht, sein Recht objektiv durchzusetzen und die subjektive Sicht des Klienten zu ignorieren. Wenn der Helfer die Interpretationen seines Klienten übergeht ist dies eine Form von Entmündigung; ein Angriff auf die Integrität des Klienten. Sehen wir dies nicht und bieten wir ggf. immer wieder neue Anlässe zur Kränkung, bewirken wir eine Stagnation. Verbiesterte Rechthaberei gegenüber dem Klienten können wir uns nicht leisten, zerstören wir damit doch die Arbeitsbedingungen; ob wir Recht gehabt haben oder nicht, ist völlig egal, wenn unser Jugendclub am Ende leer ist.Wie Klienten- und Helfersicht aufeinanderprallen können, will ich anhand eines BSP skizzieren:

Mitten in der feierlichen Zeremonie eines öffentlichen Empfangs schmerzt innerhalb von Sekunden der Kopf in einer Intensität wie noch nie im Leben zuvor. Schwindel, Zusammenbruch, Ohnmacht. Wieder wach, fragen die Rettungssanitäter was passiert ist, wie man sich fühlt. 'Kopf scheint platzen zu wollen, ich muss schnell ins Krankenhaus, ich glaub, da ist ganz was Schlimmes passiert.' 'Nein das geht nicht, wir können sie nach Hause bringen.' 'Ich muss ins Krankenhaus!' 'Nein! Wir bringen sie in eine Notfallambulanz!' Der dort behandelnde Arzt legt mich auf die Liege, spritz mir etwas zur Stabilisierung des Kreislaufs! Ich sage, der Kreislauf kann es nicht gewesen sein, da es mit unglaublich starken Kopfschmerzen begann. 'Ich will jetzt in ein richtiges Krankenhaus!' 'Ruhen sie sich erst einmal ne Stunde aus.' Dann werde ich entlassen und soll erst mal ausschlafen. Nach einer Stunde hab ich taumelnd meine nahegelegene Wohnung erreicht, versuche zu schlafen, muss mich ohne Unterlass übergeben und kann nun auch nicht mehr richtig sprechen, laufen, stehen. Nächster Versuch: Diesmal fährt mich der Rettungswagen in die Notaufnahme des Krankenhauses; erster Blick in die Augen; 10 Sekunden bis zum Verdacht auf Schlaganfall; weitere zwei Minuten bis zur eindeutigen Diagnose.

Während nun alle Möglichkeiten der modernsten Schulmedizin genutzt werden, hilft mir der Triumph über die richtige Selbsteinschätzung kaum darüber hinweg, dass plötzlich mein ganzes Leben zur Disposition steht: Kann ich wieder laufen und sprechen, verlier ich meinen ambitionierten Job, der endlich meine berufliche Karriere einleiten sollte, werde ich jemals wieder ausgelassen mit dem Patenkind spielen können.Im Krankenhaus fand sich Zeit, die Situation zu reflektieren und Gefühle zuzulassen: Was für mich selbst kaum zu fassen war, was ich selbst aus der heutigen Distanz kaum erklären kann, war für die außenstehenden helfenden Personen kaum nachvollziehbar. Dem Tode so nah, das ganze Leben Revue passieren lassen; plötzlich von religiösen Gedanken bedroht zu sein, von einem Tag auf dem anderen nicht einmal mehr sitzen, ganz zu Schweigen denn stehen, laufen oder sich selbst waschen zu können; Selber Hilfe annehmen und erbitten zu können und zu müssen, die Scham zu überwinden, das Umfeld auf Unaufmerksamkeiten hinzuweisen.relativierten meine bisherige Helfersicht stark. Auf alte Opas neidisch zu sein, wenn sie in ihrem Gehwagen an einem vorbeiziehen, aus dem Augenwinkel Radfahrern nach zu schauen, von anderen bei den ersten schwankenden Gehversuchen beobachtet zu werden, später im Bus um einen Sitzplatz bitten zu müssen, sich gegen Aktivbürger durchzusetzen, die einem wegen schwankenden Ganges vom Autofahren abhalten wollen...

Zu Beginn der Rehamaßnahme befand ich mich emotional in einem tiefen Loch und mochte mich kaum auf die verschiedenen therapeutischen Maßnahmen einlassen. Deshalb schien es mir sinnvoll, in der Klinik meine Blockaden mittels psychologischer Hilfen abzubauen. Statt mir den Rücken zu stärken schickte man mich zum Hirn-Leistungs-Training: Drücken sie immer so schnell wie möglich die Enter-Taste, wenn drei von fünf Dreiecken nach unter zeigen, entscheiden sie sich für eines von 5 Worten, das als Gegensatz von dem eingeblendeten Wort gilt (heiß-kalt, schnell-langsam...). Am dritten Tag sollte ich Zahlen im Bereich bis 20 addieren und subtrahieren. 'Herr Mählmann, bisher waren sie immer gut, aber heute war es schlecht, wie konnte das passieren?' 'Vielleicht, weil ich den linken Zeigefinger genommen habe und die linke Seite ja immer noch etwas gelähmt ist.' 'Aber sie sollten doch so schnell wie möglich...' 'Meine Ergotherapeutin hat aber gesagt, ich soll alles mit links versuchen.' 'Ja aber das geht doch gar nicht um den Finger, sondern um ihre Hirnfunktionen.' 'Ja das hätten sie vielleicht noch mal sagen müssen, das war mir glaube ich nicht so klar...' 'Jetzt ist aber die ganze Testreihe hinfällig.' 'Das ist mir doch egal!' 'Aber die will der Rentenversicherungsträger haben.' 'Das ist mir auch egal! Wie kommen Sie überhaupt dazu heimlich im Auftrag anderer, Testreihen an mir durchzuführen?' 'Na sie können es noch mal wiederholen es wäre ja schade um das Ergebnis. Wissen Sie, Sie waren bisher der Beste...'

Was soll das heißen 'der Beste'? Sie wissen doch, dass ich Soziologe bin! 'Der Beste' zu sein, ohne zu wissen auf welche Grundgesamtheit bezogen, sagt doch überhaupt nichts. Bester alle Sozialwissenschaftler Deutschlands? Aller 37jährigen Dozenten? Aller Patienten hier in der Klinik?.Meine Ergotherapeutin stürzte mich in die nächste Krise: Über Wochenende sollte ich eine Denksportaufgabe lösen: Als ich das Bilderrätsel sah, dachte ich sofort wieder, man will mich nicht ernst nehmen, ich bin doch nicht im Kindergarten; auch Unterforderung kann den Hilfeprozess massiv beeinträchtigen, dachte ich mir. Um so schlimmer war die Einsicht, dass ich trotz der kleinkindgemäßen Zeichnungen nicht in der Lage war, das Rätsel zu lösen.Das Ende der stationären Reha kam abrupt: Auf der Patientenversammlung, stellt sich die Klinikleitung der Kritik. Rhetorisch durchaus nicht ungeschickt fragt der Chefarzt. 'Ich gehe davon aus, dass sie sich hier wohlfühlen. Sollten sie trotzdem Anlass zur Kritik haben, sagen sie uns doch bitte jetzt.' Bevor ich meine Gedanken in der 3sekündigen Pause, die er mir ließ- sammeln und mich melden konnte, war er schon weiter und zwingt mich, zur Unhöflichkeit, ihm ins Wort fallen zu müssen. 'Ja ich hätte da doch noch was...' 'Wie ist ihr Name?' 'Ich habe das Gefühl, dass die Patienten nach ihren traumatischen Erfahrungen emotional im Stich gelassen werden und ein standardisiertes Hirn-Leistungs-Testverfahren ihrer Befindlichkeit nicht entspricht. Ich denke, dass der Reha-Erfolg eng mit der psychischen Befindlichkeit zusammenhängt und deshalb der emotionalen Stabilität mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte' 'Ich denke, dass dies nur ihr individuelles Problem ist und sie dies vielleicht auch gar nicht beurteilen können...', bürstet er mich ab und fragt die alten in der ersten Reihe in ihren Rollstühlen sitzenden Patienten, ob sie denn auch etwa dieses Problem hätten. Ohne ihnen Zeit zur Antwort zu geben, sagt er mir: 'Sehen sie, dies Problem haben nur sie'.

Einzelprobleme könnte man natürlich gerne später besprechen; man wolle aber nicht alle damit belasten, stellt er mich kalt, macht mich vor allen zum Trottel. Ich bin kurz vorm Platzen, nehme meinen ganzen Mut zusammen und klopfe ihm beim Rausgehen auf die Schulter: 'Macht ja nichts. Ich werde mir Notizen machen. Wenn wir später mal die Qualität ihrer Rehamaßnahme begutachten sollen, werde ich wieder darauf zurückkommen. Sicherlich wird das Gesundheitsministerium meiner Hochschule den Auftrag erteilen...', sage ich und gehe ohne eine Antwort abzuwarten auf mein Zimmer. Zwei Tage später sollte ich wegen 'schneller und großer Fortschritte' die Klinik vorzeitig verlassen.Ich schließe eine ambulante Rehamaßnahme an: Ich soll mich nicht schämen, wenn ich vor vielen Menschen reden und Probleme mit dem Sprechen habe, weil alle sicherlich dafür Verständnis haben; ich soll ruhig zu Geschäftsessen gehen, weil dort sicherlich alle Verständnis dafür haben, wenn immer etwas von Löffel oder Gabel tropft und fällt; ich soll auch auf Partys gehen, weil sicherlich alle Verständnis haben, wenn ich sitzen muss.

Theoretisch weiß ich das natürlich alles selber; hab's ja auch in Fachbüchern gelesen und sowohl Klienten als auch Studenten erzählt; meine Realität sah dann doch ganz anders aus.Wenn ich vor Studenten unserer Fachrichtung stotterte, holperte oder auf die Zunge biss erwartete ich und stieß natürlich auch auf wohlwollende Anteilnahme; auf Fachtagungen vor das Mikro zu treten, mich vorstellen und von unzähligen fremden Fachkollegen angucken lassen zu müssen, wurde aber zur unüberwindbaren Hürde. Der (eingebildete) Rechtfertigungsdruck für jede heruntergefallene Erbse verdarb mir im Vorwege den Appetit. Zu Partys bin ich zunächst gegangen; möglichst frühzeitig, um einen guten Platz zu bekommen. Wenn sich dann aber der Raum füllte, es immer enger wird, immer mehr Beine im Weg liegen, die meisten Gäste, mein Schwanken und ggf. Anstoßen logischerweise hätten dem Alkohol zuschreiben müssen und ich Toilettengänge, sowie den Heimweg voller Stress bis zum letzten hinauszögern wollte, machte es keinen Spaß.

Rückblickend hat mich nur meine Physiotherapeutin positiv beeindruckt: In einer ausführlichen Anamnese ließ sie mich erzählen, für was für einen begnadeten Volleyballspieler ich mich hielt, wie sich beim Stellen der Ball nie drehte.Bis zum Schluss verhinderte sie jeglichen Kontakt zu einem Volleyball. Was mich zuerst geärgert hatte, erwies sich als sensibler Weitblick. Hätte ich zu Beginn erfahren, dass meine Hände einen Höhenunterschied von 10cm aufweisen würden und dass sich dieser im Laufe von zwei Jahren kaum auf unter 0,5cm reduzieren lässt, wäre ich psychisch zusammengebrochen...; 0,5cm sind beim Volleyball sehr viel!



Lösungen? Wir erforschen uns:

Wenn

dann haben wir gute Chancen für eine erfolgreiche Arbeit. Wir können unsere eigene Lebensweise mit Distanz kritisch hinterfragen, sie als eine von mehreren betrachten, die keinen Anspruch hat, besonders hervorgehoben zu werden. Diese Kompetenzen sind Ausdruck von einem Menschenbild, vor dem wir den Kontakt zu den Klienten pflegen; Interpretationen, wonach man selber drogenabhängig gewesen sein sollte, um in diesem Arbeitsfeld angemessen mit speziellen Lebenswelten umgehen zu können, halte ich aber für übertrieben. Je besser es mit der Empathie und der Selbstreflexion klappt, desto seltener wird unser subjektiver Hintergrund uns in die Quere kommen; er behält aber dennoch die Tendenz, sich mit stets unterschätzter Intensität unsere Arbeit -besser unserer Wahrnehmung und Interpretation- in den Weg zu stellen. Selbst wenn wir prinzipiell in der Lage sind, objektiver das Wohl des Klienten zu verfolgen, ohne seine Besonderheiten als Angriff auf die eigene Lebensweise misszuverstehen und abwehren zu wollen; können wir uns nie beruhigt zurücklehnen und die Bemühungen um Selbstreflexion einschränken. Unseren Klienten fällt es sehr viel schwerer als uns, eigene Lebensvorstellungen zu realisieren, wenn sie von der Norm abweichen; Normendiskrepanzen sind wesentlich größer, ihr relativ schlechtes gesellschaftliches standing macht es für sie fast unmöglich, Normenabweichungen mit Gelassenheit durchzusetzen; eingeschränkte Verhaltensoptionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, unangemessen auf gesellschaftliche Erwartungen zu reagieren und so immer weiter sozial ausgeschlossen zu werden.Dies bedeutet,


Wir erforschen die Klienten:

Wenn wir es im ersten Schritt schaffen, zum Zwecke der Arbeit unsere Sicht auf die Welt in den Hintergrund treten zu lassen, müssen wir im zweiten Schritt versuchen, uns die verborgene Sicht unserer Klienten zu erschließen. Wenn uns dies logischerweise auch nie zu 100% gelingen wird -ist Leben doch zu komplex- müssen wir uns um ein Maximum bemühen. Dies bedeutet v.a., unser erworbenes Wissen um Techniken der Gesprächsführung zu nutzen; konzentriert zu beobachten, zuzuhören und Schwellen zum Klienten abzubauen. Da unsere Klienten häufig Probleme haben,

müssen wir ggf. ungewöhnliche Wege suchen, um uns ihre Lebenswelt näher zu bringen. Dabei gibt es einige einfache klassische BSP:

Oft wird nachgefragt, ob man den selber geklaut oder gekifft haben muss, um ein guter Sozialpädagoge zu werden. Es ist zweifellos hilfreich, auch mal in dem einen oder anderen Zusammenhang mehr oder weniger sozial benachteiligt, 'auf der anderen Seite der Sozialen Arbeit' gestanden zu haben. Gegenüber unseren Klienten müssen wir dies jedoch nicht glorifizierend erzählen, haben sie i.d.R. doch eine viel schlechtere Ausgangssituation als wir. Nun aber genau in dem Bereich zu arbeiten; wo man selber Klientenerfahrungen gesammelt hat, empfiehlt sich wegen zu starker Identifikation mit Problem und Adressaten nicht!

Einige Sozialwissenschaftler oder Journalisten versuchten mit großem Aufwand, sich fremde Lebenswelten zu erschließen:

In dem kleinen Fabrikdorf 'Marienthal' in Niederösterreich (Flachs- und Baumwollspinnerei, Weberei, Bleiche, Textildruck) wurde 1926 die Belegschaft erst halbiert und 1929/30 dann der Rest entlassen. Über einen Zeitraum von sechs Monaten wurden zusammen mit aktiv teilnehmenden Studenten die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit untersucht (Jahoda&Lazarsfeld&Zeisel 1975: 28):

'Es war unser durchgängig eingehaltener Standpunkt, dass kein einziger unserer Mitarbeiter in der Rolle des Reporters und Beobachters in Marienthal sein durfte, sondern dass sich jeder durch irgendeine, auch für die Bevölkerung nützliche Funktion in das Gesamtleben natürlich einzufügen hatte." Dafür wurden Kleiderkammer, Nachhilfekurse, Freizeitangebote, Lebensberatung, Sportangebote.. aufgebaut. Einige haben über Monate im Untersuchungsgebiet gewohnt.

Ausgehend von diesen Angeboten wurden 478 Familien befragt, 60 ganze Lebensgeschichten rekonstruiert, 80 Zeitverwendungsuntersuchungen durchgeführt, Schulaufsätze 'Was will ich werden?' und 'Was wünsche ich mir zu Weihnachten?' ausgewertet, ein Preisausschreiben 'Wie stelle ich mir die Zukunft vor?' für Jugendliche organisiert, von 40 Familien Wochenprotokolle über deren finanzielle Ausgaben und Ernährung erstellt, Weihnachtsgeschenke von 80 Kleinkindern geprüft, Experteninterviews durchgeführt, Schulleistung über Lehrerinterviews erfragt, die wirtschaftliche Entwicklung des Kleingewerbes dokumentiert, (schul)ärztliche Befunde ausgewertet.Die Gehgeschwindigkeit der Menschen wurde gemessen, Körperhaltung, Stimme und Sprache beobachtet, die Bibliotheksakten danach geprüft, wie viele und welche Bücher ausgeliehen werden.Folgende Fragen lagen der Untersuchung zugrunde:


A. Stellung zur Arbeitslosigkeit:


B. Wirkungen der Arbeitslosigkeit:

Wie deutlich werden sollte, ist die sozialpädagogische Anamnese mit Methoden der empirischen Sozialforschung vergleichbar. Jene versuchen Erkenntnisse über eine Vielzahl von einzelnen Menschen und ihren Beziehungen zueinander zu sammeln, um regelhafte Zusammenhänge herauszuarbeiten und als Theorie zu formulieren; die Erkenntnisse werden dabei nicht in unmittelbare Handlungen umgesetzt. Mit ähnlichen Instrumentarien versucht die Sozialarbeit Erkenntnisse im Einzelfall zu gewinnen, um diese dann unmittelbar in Hilfeangebote umzusetzen. Ich will nun darstellen, wie Anamnese in der Gemeinwesenarbeit bzw. Drogenhilfe aussehen kann. Da in späteren Kapiteln wieder auf diese BSP zurückgegriffen werden soll, werden sie hier in aller Ausführlichkeit vorgestellt:





Nächstes Kapitel: Anamnese in der Gemeinwesenarbeit